Aron Bejlin

Aron Bejlin, 1908 in Suraż (südlich von Białystok/heute Polen) geboren, wurde im Februar 1943 aus dem Ghetto Białystok, in das er wenige Wochen nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im August 1941 gebracht worden war, nach Auschwitz deportiert und als Häftling Nummer 100.736 registriert. Im Ghetto Białystok hatte Bejlin als Arzt gearbeitet und war deshalb auf dem Transport mit einer Armbinde mit Rotem Kreuz gekennzeichnet. Bejlin kam zunächst ins Männerlager

Männerlager

::Die Lagerabschnitte BIb und BIId werden in der Literatur speziell „Männerlager“ genannt, obgleich in anderen Teilen des Lagers auch männliche Häftlinge untergebracht waren. BIId, später ins „Zigeunerlager“ BIIe und nach dessen Auflösung im August 1944 ins Krankenbaulager BIIf. Bejlin wurde als Häftlingsarzt eingesetzt. Bei der sogenannten Evakuierung von Auschwitz überlebte Bejlin einen mehrere Monate langen Todesmarsch von Auschwitz durch die Tschechoslowakei.
Zur Zeit seiner Vernehmung im August 1964 war der Zeuge Aron Bejlin 55 Jahre alt und arbeitete beim Gesundheitsministerium in Jerusalem.

You do not have the Flash plugin installed, or your browser does not support Javascript. Both are required to view this Flash movie.

Hörbeispiel:
Und ich wusste, im Gegensatz zu anderen vielleicht, die nichts wussten. Ich wusste es. Überhaupt haben wir gewusst. Das westeuropäische Judentum hat nichts gewusst. Insoweit nichts gewusst, dass ein holländischer Arzt, der gekommen ist mit einem holländischen Transport und zugeteilt wurde ins Zigeunerlager

Zigeunerlager

::Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ verfolgt. Auf Befehl von Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, vom Dezember 1942 wurden ab März 1943 alle im deutschen Herrschaftsgebiet lebenden „Zigeuner“ in Konzentrationslager verschleppt. Nach Auschwitz wurden mehr als 20.000 „Zigeuner“ deportiert und in einem Familienlager, „Zigeunerlager“ (BIIe) genannt, untergebracht. Im August 1944, Tausende Sinti und Roma waren bereits im Lager umgekommen, löste die → SS das „Zigeunerlager“ auf. Einige tausend Sinti und Roma wurden zur Zwangsarbeit in Lagern im Innern des Deutschen Reiches verschleppt, rund 3.000 „Zigeuner“ wurden am 2. August 1944 in den Gaskammern ermordet., mich gefragt hat: „Was ist das?“ Das war das rote Ziegelsteingebäude mit diesem rechteckigen Schornstein, wo die Flamme länger als der Schornstein war. Und ich in meiner Naivität, in meiner psychologischen Unerfahrenheit – für mich war das eine geläufige Angelegenheit, dass jeder, der nach Auschwitz kommt, weiß, was dieses Gebäude bedeutet – habe ich ihm offen gesagt: „Da werden Leute verbrannt, vergast und eingeäschert.“ Sagte er: „Sie erzählen Gräuelmärchen.“ Der hat mir nicht geglaubt.
(83. Verhandlungstag, 28.8.1964)

Erläuterung:
Der Zeuge Aron Bejlin spricht über das Wissen bzw. Nichtwissen, das die nach Auschwitz deportierten Juden über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hatten. Die Situation in Polen unterschied sich von der Lage in Westeuropa grundsätzlich. In dem seit September 1939 okkupierten Teil Polens wurden die Juden im Verlauf des Jahres 1940 größtenteils ghettoisiert und ab Anfang 1942 systematisch ermordet. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurden die Juden Ostpolens (seit Mitte September 1939 von der Sowjetunion besetzt) sowie die russischen und baltischen Juden (Litauen, Lettland und Estland) in die Vernichtungsmaßnahmen einbezogen. Juden in Polen und in der Sowjetunion wussten in vielen Fällen um ihr Schicksal. Was die Deportation nach Auschwitz bedeutete, ahnten sie zumindest. Juden aus Westeuropa waren meist gänzlich arg- und ahnungslos. Das „Zigeunerlager“ BIIe lag unweit des Krematoriums III. Der Schornstein des Krematoriums war vom Lager aus gut zu sehen.

zurück



Foto: Günter Schindler, © Fritz Bauer Institut